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Forum zum Thema "Schmücken, Ornamentik und Moderne" |
| Was meinen Sie? Sollte ein ausdrücklicher Wunsch nach künstlerischer Ausschmückung der Neubauten in der Neumarktsatzung vorhanden sein oder sollte man dem Bauherren selbst entscheiden lassen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung! Ist der Wunsch nach Verzierungen und bildhauerischer Ausschmückung Spinnerei von gestern oder halten Sie diese Dinge für wichtig? Haben Sie vielleicht Anregungen und Ideen für neue Formen von Ausschmückung? |
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| 03.07.2004 19:19, Gertrud Schrenk aus Mannheim |
| Hallo Herr Kantschew, ich habe bei einer meiner Spaziergänge durchs Internet zum Thema Ornament auf die Seiten neumarkt-dresden entdeckt und mit großem Interesse Ihre Seiten studiert. Viel ist dort zusammen getragen! Ich selbst bin Künstlerin und beschäftige mich schon seit bestimmt zehn Jahren mit der Thematik: http://www.gertrud-schrenk.de/ webgertrud/austelsatz.htm (mit link: mehr >> ) und http://www.pattern-project.org Ich stelle die These auf, dass Ornamente die Grundstruktur unserer Welt abbilden und deshalb so viel Bedeutung haben. Keine andere Gestaltung ist weltweit und über die Zeiten so weit verbreitet wie das Ornament. Und da habe ich in Ihrem Gästebuch das Zitat von Gottfried Semper gefunden, der sich über die gemeinsame Wurzel der griechischen Worte für Kosmos, Schmuck und Ordnung auslässt... Dass ich auf Ihrer Dresden-Seite Herrn Hild wieder begegne, ist witzig. Während meines Architektur-Studiums in Kaiserslautern gab er zwei Gastsemester, und griff dort das auch von mir schon länger bearbeitete Thema "Ornament" auf. Das war meine Arbeit damals: http://www.gertrud-schrenk.de/ webgertrud/rad.html Und ein anderer Lehrbeauftragter bei uns, Ludger Hovestadt, der jetzt an der ETH Zürich lehrt, macht dieses Semester ein Projekt zum Thema ornamentierter Sichtbeton... http://www.caad.arch.ethz.ch/C AAD-Extern/1164 Ist das eine zweite Postmoderne?? Wie kommt es, dass auf einmal so viel vom Ornament gesprochen wird? Es ist ja nicht die einzige Antwort auf die Kälte der "ausgelutschten" Moderne... Doch, um Missverständnissen gleich zuvor zu kommen, ich möchte nicht wieder zurück zu irgendetwas, das als harmonisch bezeichnet wird und doch genauso ein unvermittelter Stilmix ist, wie unsere heutigen Stadtbilder. zB das unsägliche neue alte Dorfkonzept von Prinz Charles: http://www.byen.org/poundbury. html Und ich wehre mich vehement gegen das sog. Neue Bauen, das vor 10 Jahren in Berlin Mode wurde. Ordnungssysteme, Stein, Lochfassaden, Traditionalismus, um den Sittenverfall einzudämmen...das alte Lied, Architekten glauben, durch ihre Bauten die Welt zu verändern, sie glauben, dass sie eine moralische Verantwortung und Macht besäßen... Vittorio Lampugnani http://www.heise.de/tp/deutsch /special/sam/6024/1.html ...und dann bauen die da in Berlin das Stadtschloss wieder auf... |
| 07.03.2004 10:58, TK |
| Es wird weiter diskutiert unter der Fragestellung "Neue Ornamentik?": http://deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=2434&page=1&pp=15 |
| 21.01.2003 20:48, W. G.: |
| Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! Ihn zu schmücken war einst die vornehmste Aufgabe der bildenden Künste, sie waren unablösliche Bestandteile der großen Baukunst. Heute stehen sie in selbstgenügsamer Eigenheit, aus der sie erst wieder erlöst werden können durch bewußtes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander. Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst verloren. (...) Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine "Kunst von Beruf". Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. Gnade des Himmels läßt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits seines Wollens stehen, unbewußt Kunst aus dem Werk seiner Hand erblühen, die Grundlage des Werkmäßigen aber ist unerläßlich für jeden Künstler. Dort ist der Urquell des schöpferischen Gestaltens." Dies ist der Text des Gründungsmanifestes einer Gruppe von unabhänigingen Gestaltern - geschrieben 1919 von Walter Gropius für eine junge, expressive Reformbewegung in Weimar - die später als "Bauhaus" Weltberühmtheit erlangte. Der gesamte Text Die Parallelen der damaligen Bewegung und den heutigen Bestrebungen, den Bau als Gesamtkunstwerk zu betrachten, in dem alle Gewerke und Künste miteinander zusammen gebracht werden, sind verblüffend. Die Bauhausutopisten strebten ursprünglich nach neuen Formen des Schmückens und vor allem auch nach dem mit Geist gefüllten Bau. Doch die hoch gesteckten Ziele erlagen all zu bald einer alles erdrückenden kapitalistischen Warenwelt mit einer industriellen Massenproduktion für eine Massengesellschaft. Die rassisch- biogenormten NS-Ideologen mit ihrer pseudo- neoklassischen Ästhetik hatten zuvor die meisten Bauhäusler als "entartete Kunst" verfolgt. Das Manifest schließt mit den pathetischen Worten: "Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens." Über den neuen Glauben, vom dem Gropius sprach, mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Thomas Kantschew |
| 19.01.2003 23:34, Thomas Kantschew |
| Das habe ich mir auch schon gedacht, dass das steingehauene Ornament und der gemalte Schmuck an Gebäuden viel zu behäbig und unflexibel ist, um in einer rasend beschleunigten Zeit und ihren saisonalen wechselnden Moden bestehen zu können. Sie haben recht, Herr Mossmann (obwohl ich mich etwas an den „guten Gründen“ stoße), die schnelllebige und rasch wechselnde, quasi immateriellen Äußerungen der Medienprodukte, seien es hektisch geschnittene Musikclips, temporäre Websites, digitalisierte Pixelbilder oder Computerkunstanimationen sind viel eher signifikanter Ausdruck unserer Welt des 21. Jahrhunderts mit all ihrer Reizüberflutung und nervösen Unruhe, als eherne, steinerne und für die Ewigkeit gemachte Plastiken. Wer will da noch wochenlang an einer Sandsteinrosette hämmern oder eine feine mäandernde Akanthusreihe aufmalen, wo doch alles in rastloser Bewegung ist? Aber es gibt erfreuliche Gegenbewegungen. Zum Beispiel das Baseler Architekturbüro Herzog & deMeuron arbeitet schon seit einiger Zeit mit einer Wiederbelebung des Ornaments durch Rhythmus und Oberflächentexturen (allerdings auf sehr strengen, geometrischen Gesamtformen). Sie setzen statt auf abstrakte Ideenkonstrukte auf das Hervorrufen von Empfindungen und Sinnlichkeit im Wahrnehmen der Außenhaut. (siehe eine Arbeit von Andreas Fluck in Gestalttheorie der ETH Zürich 2001, der auf diese Zusammenhänge hinweist: http://n.ethz.ch/student/afluck/Ornament.pdf ) Übrigens: eine der grundlegenden Kampfschriften zum Thema ist natürlich „Ornament und Verbrechen“ von Adolf Loos gegen die Auswüchse des Historismus (1908). Auszüge findet man unter: http://www.weissenhofsiedlung.de/einleitung/loos.htm (ein Blättern in der Webseite über die berühmte Stuttgarter Siedlung klassischer Moderne mit allen Architektenikonen ist natürlich auch ratsam. Die weiße Siedlung ist wohl die reinste Verkörperung der damaligen Theorie über die Ablehnung des Ornaments.) Diese radikale Kampfansage des Wiener Adolf Loos, der übrigens von 1890 - 93 an der Technischen Hochschule Dresden Architektur studiert hatte (Biographie), gegen das beliebige ekklektizistische Schmücken der prahlerischen Gründerzeit sollte man im Hinterkopf haben, wenn man sich tiefer mit dem Thema Schmücken/Ornamentik beschäftigt und Argumente für eine zeitgemäße Wiederbelebung sammeln möchte. Auch mit seiner Schrift »Die Potemkinsche Stadt« sollte man sich auseinandersetzen. Interessant: Herr Loss schrieb damals, dass das Ornament vergeudete Arbeitskraft ist, weil es viel zu viel Zeit zur handwerklichen Erzeugung beansprucht. Wie wäre es, wenn heute in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit die Frage anders gestellt wird: wie nämlich die etwas arbeitsintensivere Herstellung von schmückenden handwerklichen Ornamenten Arbeitsplätze wieder schafft? |
| 18.01.2003 21:56, Gottfried Semper: |
| Die reiche und präzise Sprache der Hellenen hat dasselbe Wort zur Bezeichnung des Zierrates, womit wir uns und die Gegenstände unserer Neigung schmücken, und der höchsten Naturgesetzlichkeit und Weltordnung. Dieser tiefe Doppelsinn des Wortes "Kosmos" ist gleichsam der Schlüssel hellenischer Welt- und Kunstanschauung. Dem Hellenen war der Schmuck in seiner kosmischen Gesetzlichkeit der Reflex der allgemeinen Weltordnung, wie sie uns in der Erscheinungswelt den Sinnen fasslich entgegentritt, er galt ihm als allgemeinverständliches, sich selbst erklärendes Symbol der Naturgesetzlichkeit auch in der bildenden Kunst, der Architektur, überall als wesentliches Element der formellen Ausstattung erscheint. Die Ästhetik der Hellenen, soweit sie das Gesetzliche des Formell-Schönen betrifft, fußt auf den einfachen Grundsätzen, die beim Schmücken des Körpers in ursprünglichster Klarheit und Fasslichkeit hervortreten." So beginn ein Aufsatz von Gottfried Semper mit dem Titel "Über die formelle Gesetzmäßigkeit des Schmuckes und dessen Bedeutung als Kunstsymbol" gehalten in Zürich 1856. In diesem Text zeigt sich der berühmte Architekt nicht nur als ein Vorkämpfer der Moderne, in dem sich die Tektonik eines Gebäudes der Funktion unterordnen sollte, sondern auch als ein äußerst kenntnisreicher Wissenschaftler der Verzierungskunst. Der geniale Gestalter, wir würden heute Designer sagen, weist in diesem Vortrag auf die Wurzel der beiden griechischen Worte hin: kosmeion = ordnen, schmücken kosmos = Ordnung/ Weltall, Schmuck. Er erinnert daran, dass Ordnung und Schönheit im alten Griechenland gleichgesetzt wurden und natürliche Ordnung als schön empfunden wurde. Die Übereinstimmung mit dieser natürlichen Ordnung nannten die Griechen "Harmonie". In der Antike wurde also Schmücken als fester, integraler Bestandteil des Lebens und Bauens betrachtet, deren ritualisierter, religiöser Charakter sich jedoch im Lauf der modernen Geschichte immer mehr verweltlichte. Semper wollte mit den Ausschmückungen seiner Gebäude an seine Idealwelt der Griechen anknüpfen und in einer zunehmend industrialisierten Welt des 19. Jahrhunderts einen ideelen Gegenpol setzen. Für ihn war das Schmücken von Gebäuden so eminent und unverzichtbar, daß er es die "Dominante" nannte: "(...) Der Reflex des ersteren ist die Basis, das tragende Glied, der Reflex des zweiten ist die Dominante, das getragene Glied (…) Die Dominante entspricht der ihrigen durch Reichtum der Gliederung, Schmuck, glänzende und helle Färbung. Sie ist der Masse nach das Kleinere, der Bedeutung nach das Haupt." (in Sinne von Kopf) Auf Semper hören, heißt auch diese Schriften zur Kenntnis nehmen, zumal im Jubiläumsjahr seines 200. Geburtstag 2003. Aufs Heute übertragen könnte man sagen: in einer zunehmend von Technik abhängigen Welt, in einer von Rationalität und Pragmatismus geprägten Epoche spiegelt sich diese Sachlichkeit auch in unserer gebauten Umwelt wider. Schmücken, im Sinne eines harmonischen, geordneten, geistigen Überbaus scheint da in der Architektur entbehrlich, doch offenbar ist das Fehlen von "Kosmetik" (in der Ableitung von kosmeion), also von Ausschmückung, Reflex unserer inneren geistigen Armut oder Furcht. Ein radikal verstandener "Ehrlichkeits"begriff läßt Verschönerung von modernen Gebäuden nur in Form von Natursteinplatten über dem eigentlichen Betonbau zu. Vielleicht sollten wir das Semperjubiläumsjahr nutzen, über Schönheit und Harmonie, etwas was für meine Begriffe unentbehrlich ist zum Überleben, tiefer nachzudenken. Thomas Kantschew |
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