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Forum zum Thema "Schmücken, Ornamentik und Moderne"

Was meinen Sie? Sollte ein ausdrücklicher Wunsch nach künstlerischer Ausschmückung der Neubauten in der Neumarktsatzung vorhanden sein oder sollte man dem Bauherren selbst entscheiden lassen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung! Ist der Wunsch nach Verzierungen und bildhauerischer Ausschmückung Spinnerei von gestern oder halten Sie diese Dinge für wichtig? Haben Sie vielleicht Anregungen und Ideen für neue Formen von Ausschmückung?


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13.12.2007 22:11, Frey aus Heidelberg E-Mail:
Ich bin Gott sei Dank in der glücklichen Lage, hier in Heidelberg in einer unzerstörten Stadt leben zu dürfen. Seit über 15 Jahren interessiere ich mich sehr für Dresden und seiner außerordentliche Geschichte - Kunstgeschichte: Dresden als Juwel Europas! Es ist nicht nur eine Meinung von mir, sondern auch die vieler Fachleute, die darlegen, dass eine Stadt mit historischem Ambiente, also mit klassizistischen oder barocken Fassaden ein besonderes Wohlgefühl auslösen - eine Wärme durch das Zusammenwirken, zwar jeweils verschiedener Gebäude, aber in sich als Einheit wirkende Komposition mit Trauf- und Firsthöhenfestsetzung.

Der Neumarkt in Dresden eröffnet meiner Meinung eine ganz besondere Chance, dem Charakter dieses Gebietes nach historischen Grundrissen eine neue alte Idendität zu geben. Als besonders fatal und geradezu zerstörerisch für das Gesamtbild wäre es jedoch, in dieses Ensemble glatte, kalte Formen einfließen zu lassen, die der Gesamtidee nur kontraproduktiv gegenüberstünde.
Als besonders schwerwiegender Fehler sehe ich die derzeitige Situation, das Gewandhaus, das schon bereits im 18. Jahrhundert aus ästhetischen abgerissen wurde, heute errichten zu wollen, und darüber hinaus in dieser meiner Meinung nach häßlichsten Form, die ich mir an diesem Platz vorstellen kann. Wie dieser Entwurf überhaupt den ersten Preis erzielt hat, ist ein Rätsel! An diesen baugeschichtlich empfindlichen Ort sollten Architekten Vorschläge einbringen, die wirklich etwas davon verstehen.

Ein wirklich nicht gelungenes Beispiel ist das Gebäude das man sieht, wenn man von der Brühl´schen Terrasse zwischen dem Albertinum und der Kunstakademie Richtung Georg-Treu-Platz blickt.

Grundsätzlich bin ich für die Gestaltung des Neumarktes, sofern es möglich ist, ausschließlich mit Gebäuden deren Fassaden sich mit barocken oder klassizistischen Stilen identifizieren lassen. Die Moderne zerstört diese einzigartige Fläche mit der Frauenkirche im Zentrum.

Darüber hinaus bieten die Formen des Barock und des Klassizismus so mannigfaltige Möglichkeiten auf, so dass man vielleicht in Zukunft wieder das Schöne in einer Fassade als Normalität ansieht.
Denn man sagt nicht ohne Grund: Das alte Warme und das neue Kalte

Wer lebt schon gerne in der Kälte?

01.11.2007 19:52, Andrej aus Zwickau E-Mail:

Zur Haltung zu Ornamenten und Schmuck:

Vorm Krieg gab es in Deutschland abertausend wertvoll verzierter und gestalteter Häuser aus der Gründerzeit, des Barocks usw. Ein unglaubliches Meer an Liebe zum Detail, die in jeder Fassade zu finden war. Jeder der intakte Altbauviertel, die es natürlich immer noch gibt, kennt, weiß wie schön diese sind und wie lebenswert.
Nun kam damals diese neue Moderne Strömung auf: Bauhaus. Es wurde schon vor dem Krieg begonnen Häuser zu bauen, die ohne Stuck und mit klaren Formen auskamen. Nur war das eine Reaktion auf die durch und durch komplette alte Bebauung. Es war neu und für viele bestimmt nicht hässlich und es erzeugte gewollte, gute Kontraste. Auf Grund der historischen Bebauung um diese neuen Gebäude, wirkten diese auch nicht abweisend und kalt, sondern eher frisch und anders.
Heute ist es ganz anders. Überall stehen diese modernen Gebäude und erzeugen in ihrer Häufigkeit ein sehr kühles, abweisendes Stadtbild. Man sieht ihnen keine Liebe an, sie wirken eher nur auf Funktionalität ausgelegte Gebilde. Die vielbetonten Brüche, die die Architekten so gerne haben wollen, gibt es nicht, weil überall modern gebaut wurde. Nun ziehen deswegen viele Menschen es vor in die Altbauviertel zu gehen, die einfach gemütlicher und städtischer wirken. Dazu ist anzumerken, dass diese Moderne Bauweise eigentlich nichts anderes als Bauhaus ist und mittlerweile fast genauso überholt sein müsste wie damals Stuck und Ornamente. Leider ist sie das bei manchen Architekten immer noch nicht und sie negieren, dass Verzierungen schön sein können. Darum finde ich die Haltung vieler Bürger, dass Verzierungen und bewusste Wertlegung auf Fassadengestaltung keineswegs ein Rückschritt sind, sondern davon zeugen, dass viele Stadtbilder unausgegoren wirken weil nicht genügend altes da ist, was dem neuen gegenübersteht. Und darum ist eine neuerliche Renaissance des Ornaments keines wegs ein Rückschritt, sondern der einzige und wichtigste Schritt zur Gewinnung einer harmonischen Stadtstruktur. Erst das vermeintlich alte kann heute noch in modernistisch geprägten Stadtbildern zu wirklichen Brüchen führen und das wollen die Architekten doch immer oder?

Mache man doch mal ein Gedankenspiel und stelle sich vor wie Städte wie Dresden, Köln oder Hannover heute aussehen würden, hätte man sie nicht weggebombt und die Architekur hätte im intakten Stadtbild wirken müssen. Wie sehen diese Städte aus? Wahrscheinlich wären es wunderschöne Orte, die zwischen all dem historischen avantgardistische Architektur hätten, die das Stadtbild positiv erneuern würde. Kurz um es wären Städte wie Wien, Stockhom oder Barcelona.

Ich hoffe sehr darauf, dass die Menschen dieses schönen Landes die Augen aufmachen und endlich wieder ihre Städte kritisch betrachten und sie wieder zu altem Glanz führen. Und alle Architekten dieser Welt sollten endlich aufhören auf ihre Prinzipien zu pochen.

07.03.2007 00:02, Hermann Henke aus Dresden E-Mail:
Die Diskussion ist wichtig. Die Hoffnung ist, dass Dresdner (natürlich auch Neu-Dresdner) als Bauherren eines Hauses wirksam werden können, die aus dem Geiste der Stadt Neues schöpfen und auch bezahlen können. Sie müssen dazu erfahrene Architekten und Künstler finden. Das muss wieder wachsen, keinesfalls kann es angeordnet werden.

Im Handwerklichen und Nachschöpferischen gibt es hohe Kompetenz, auch künstlerische Persönlichkeiten gäbe es, aber am Bau muss alles zusammenkommen: die Intuition, die Kompetenz, die Beständigkeit, die Verantwortlichkeit zur Umgebung, der Ort und natürlich auch die finanzielle Leistungsfähigkeit.

Das wäre im Kleinen zu erproben: Jeder, so er kann, sollte sich dazu auserkoren fühlen, es zu versuchen.

Meine Sorge war immer, ob die Demokratie eine Form finden kann, eine die besten Traditionen einer Stadt wie Dresden fortzuführen - ein König, den manche zuweilen wieder in ihrer Sorge um unsere Stadt herbeiwünschen, wird es jedenfalls nicht richten...

Dran bleiben und praktisch erproben, am besten mit jungen Leuten, Studenten und Lehrern der Dresdner Hochschulen, ab und zu mit Dresdnern reden und in Neues schaffen das ist jedenfalls meine Hoffnung.
Herzlich Hermann Henke

11.12.2006 10:17, wilke, jörg aus berlin E-Mail:
wir sind stuckateure die der tradition verpflichtet sind. wir haben das historische treppenhaus im taschenbergpalais zu verantworten und vieles mehr. jetzt sind wir an den fasseden des quartier II, fast wörtlich zu verstehen, in den letzten zügen. es macht uns geradezu glücklich diese alten fassaden wieder aufleben zu lassen. zumal sie keine billigen kopien sondern eine nahezu 100 % tige rekonstruktion sind.

29.10.2005 01:54, ronny aus dresden E-Mail:
Ich verfolge das Baugeschehen auf dem Neumarkt mit grossem Interesse. Es freut mich das viele Investoren sich gerne bereit zeigen nach alten Bauplänen die Häuser wieder zuerrichten die mal auf o. am o. um den Neumarkt standen und den Platz historisch so aus machen. Ich befürworte auch immer - je detailgetreuer ein Gebäude in seinem Stil wiederaufgebaut wird - dann sollten die Elemente, Ornamente und die induviduellen Fassadenverzierungen mit wieder erstehen.
Denn das macht ja doch die Persönlichkeit bzw. den Charakter eines historischen Gebäude aus. Fazit: Auf dem Neumarkt sollte es immer eine wichtige Bedingung sein oder eine Grundreglung sein, die Ausschmückung der Gebäude auch orginalgetreu wieder herzustellen wie es bis vor 1945 auch war. Also liebe Investoren historisches sagt mehr aus als das modernes und neutrales in der Baukunst!!! mein Appell an die Stadt Dresden nutzt die Chance ein Stück altes Dresden wieder erlebbar zumachen, jetzt können auch die jenigen den alten Flair der Stadt erleben der sie so bekannt gemacht hat.

03.07.2004 19:19, Gertrud Schrenk aus Mannheim Homepage:
Hallo Herr Kantschew, ich habe bei einer meiner Spaziergänge durchs Internet zum Thema Ornament auf die Seiten neumarkt-dresden entdeckt und mit großem Interesse Ihre Seiten studiert. Viel ist dort zusammen getragen!

Ich selbst bin Künstlerin und beschäftige mich schon seit bestimmt zehn Jahren mit der Thematik:
http://www.gertrud-schrenk.de/ webgertrud/austelsatz.htm (mit link: mehr >> ) und
http://www.pattern-project.org
Ich stelle die These auf, dass Ornamente die Grundstruktur unserer Welt abbilden und deshalb so viel Bedeutung haben. Keine andere Gestaltung ist weltweit und über die Zeiten so weit verbreitet wie das Ornament. Und da habe ich in Ihrem Gästebuch das Zitat von Gottfried Semper gefunden, der sich über die gemeinsame Wurzel der griechischen Worte für Kosmos, Schmuck und Ordnung auslässt...

Dass ich auf Ihrer Dresden-Seite Herrn Hild wieder begegne, ist witzig. Während meines Architektur-Studiums in Kaiserslautern gab er zwei Gastsemester, und griff dort das auch von mir schon länger bearbeitete Thema "Ornament" auf. Das war meine Arbeit damals:
http://www.gertrud-schrenk.de/ webgertrud/rad.html
Und ein anderer Lehrbeauftragter bei uns, Ludger Hovestadt, der jetzt an der ETH Zürich lehrt, macht dieses Semester ein Projekt zum Thema ornamentierter Sichtbeton...
http://www.caad.arch.ethz.ch/C AAD-Extern/1164

Ist das eine zweite Postmoderne?? Wie kommt es, dass auf einmal so viel vom Ornament gesprochen wird? Es ist ja nicht die einzige Antwort auf die Kälte der "ausgelutschten" Moderne...

Doch, um Missverständnissen gleich zuvor zu kommen, ich möchte nicht wieder zurück zu irgendetwas, das als harmonisch bezeichnet wird und doch genauso ein unvermittelter Stilmix ist, wie unsere heutigen Stadtbilder.
zB das unsägliche neue alte Dorfkonzept von Prinz Charles:
http://www.byen.org/poundbury. html

Und ich wehre mich vehement gegen das sog. Neue Bauen, das vor 10 Jahren in Berlin Mode wurde. Ordnungssysteme, Stein, Lochfassaden, Traditionalismus, um den Sittenverfall einzudämmen...das alte Lied, Architekten glauben, durch ihre Bauten die Welt zu verändern, sie glauben, dass sie eine moralische Verantwortung und Macht besäßen...
Vittorio Lampugnani http://www.heise.de/tp/deutsch /special/sam/6024/1.html
...und dann bauen die da in Berlin das Stadtschloss wieder auf...

25.05.2004 16:22, Thomas Kantschew aus Berlin / Dresden E-Mail Homepage:
Dresden eilt immer noch der Ruf einer Kunst- und Kulturstadt voraus. Leider sind jahrhundertlange Traditionen im Kunsthandwerk und im Bereich Plastik/Skulptur scheinbar völlig zum Erliegen gekommen. Altmodische Kunstgattungen halt, die früher selbstverständlicher Bestandteil der Architektur waren. Kein Wunder aber auch: gingen doch die meisten der handwerklichen Betriebe nach der "Wende" den Bach runter, (wenn sie nicht schon längst zu DDR-Zeiten platt gemacht worden waren. Sei es die mittlerweile fast völlig abgewickelte Sächsische Porzellanmanufaktur Dresden, sei es Kunstblumen in Sebnitz, sei es Kunstschlossereien und vieles andere, was schöpferisch-kreativ mit der eigenen Hand produziert hatte. Aus der großen Tradition von herausragenden Qualitätsprodukten ist in der alten Residenzstadt leider auch nichts Neues erwachsen. Andere Städte glänzen mit europaweit ausstrahlenden Designhochschulen und -akademien. Dresden träumt von alten Zeiten. Erstklassiges industriell hergestelltes Design, als Nachfolgerin des altbackenen Kunstgewerbe, wäre aber gerade auch in Dresden, das so gern nach zukunftsträchtigen Schlüsseltechnologien schielt, hier am richtigen Platz. Doch weder die Stadtverwaltung, noch ein Sächsisches Wirtschaftsministerium noch eine altehrwürdige Kunstakademie kümmern sich um diese verschüttete Kreativitätsader in der Sächsischen Metropole.
Auch von den Plastikern hat man schon lange nichts Beachtliches vernommen, was außerhalb von Insidergalerien im öffentlichen Stadtraum zu sehen gewesen wäre bzw. Stadt und Architektur bereichert hätte. Die Frage bleibt bestehen: wie kann man Traditionen für Dresden fruchtbringend ins 21. Jahrhundert transformieren - eine große Herausforderung!

07.03.2004 10:58, TK E-Mail:
Es wird weiter diskutiert unter der Fragestellung "Neue Ornamentik?":

http://deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=2434&page=1&pp=15


07.07.2003 00:29, Volker Hiller E-Mail:
Bauschmuck war bis zur weltweiten Verbreitung der Bauhausmoderne immer ein Ausdruck des Willens von Kulturen, Architektur über das rein Funktionale zu erheben und in Verbindung mit ihr bildhafte Zeugnisse ihrer Epochen zu überliefern. Die Abkehr von Ornamentik war eine kulturelle Selbstzerstümmelung, die heute leider derart verfestigt den Zeitgeist unserer Architektur bestimmt daß wir ein entfremdetes Verhältnis zu dieser einst selbstverständlich praktizierten Baukultur eingenommen haben. Ein neues Verständnis von Modernität muß daher Ornamentik am Bau fraglos mit einbeziehen.

30.04.2003 12:25, Thomas Kantschew E-Mail:
Das bekannte Architektenduo Lossow und Viehweger, die das Viktoriahaus am Ring gebaut haben, sind auch die Architekten des Kunstgewerbemuseums bzw. -schule an der Güntzstraße am Sachsenplatz gegenüber dem Gericht. Dieses Gebäude zw. Historismus, Jugendstil und beginnender Moderne von 1903-1907 war und ist ein wichtiger Ort zum Aufbewahren und Lehren von handwerklich und künstlerisch hergestellten Gegenständen in einer technikbegeisterten Zeit.
Maßvolle baukünstlerische Ausschmückung UND zweckorientierte Funktionalität kennzeichnen diesen Baukomplex. Auch er soll in den nächsten Jahren saniert und evtl. teilrekonstruiert werden, allerdings steht der Zeitpunkt wegen der Finanzen noch nicht fest. Es gibt eindrucksvolle Reste der vorhandenen Innenausstattung wie Türen, Decken, Treppenaufgänge etc.
In einer Museumskonzeption beschlossen ist der Rückzug des Kunstgewerbemuseums von Pillnitz an seinen angestammten Ort in die Güntzstraße. Vielleicht geht damit auch ein Stück Bewußtwerdung der Bedeutung unserer künstlerisch gestalteten Bau-Umwelt einher.

William Lossow, u.a. auch Architekt des Dresdner Schauspielhauses und des Leipziger Hauptbahnhofes, war sogar jahrelanger Leiter der Kunstgewerbeschule. Gemeinsam mit Herman Muthesius setzte er sich für neue Formen des Dekorierens ein – nach Vorbild der englischen Bewegung „Arts and Crafts Movement“.
Hervorgegangen aus der 1865 gegründeten „Königlichen Schule für Modellieren, Ornament- und Musterzeichnen“ innerhalb der Polytechnischen Schule (aus der sich später die TU Dresden entwickelte), wurde die Kunstgewerbeschule 1875 gegründet, da es an qualifizierten Entwerfern fehlte. Das Lehrinstitut hatte z.B. eine eigene Abteilung für architektonisches Kunstgewerbe, eine für Ornament Modellieren und eine für figürliches Modellieren. Der 1876 u.a. von Oskar Seyffert ins Leben gerufener Kunstgewerbeverein unterstützte die Arbeit der Schule, an der u.a. Otto Dix und Ernst Hassebrauk ausgebildet worden waren.

Der z.T. noch vorhandene ornamentale und bauplastische Schmuck wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Innenministeriums von den Professoren der Schule höchst persönlich gefertigt, so z.B. vom heute leider längst vergessenen Ernst Hottenroth, der u.a. auch für viele Bauten Erlweins, Schuhmacher (Krematorium Tolkewitz) u. Schilling & Gräbner Plastiken schuf. Aber auch die Professoren Groß, Spieler, Geißler, Hasenohr, Starcke, Tränkner wirkten an diesem eindrucksvollen Bau mit dem damals wiederaufgebauten Brühlschen Festaal im Hof.

Vielleicht sollte man über eine Erweiterung der Akademie der Künste als jetziger Nutzer des Gebäudes nachdenken, um gerade Fächer wiederzubeleben, die sich mit der individuellen, künstlerischen Fertigung von bauplastischen Schmuck befassen. Eine qualifizierte, niveauvolle Ausbildung ist angesichts der Tristesse der zeitgenössischen Fassaden dringend geraten.

26.04.2003 14:50, Stefan E-Mail:
das victoria-haus WAR DAFÜR TAUSENDMAL schöner, als die schmucklosen fassaden, obwohl dort leicht übertrieben wurde. lieber etwas zuviel als zu wenig lautet die devise. bloße funktionalität ist in einer altstadt nicht angebracht...

07.04.2003 20:30, Stephan E-Mail:
Ich halte Ornamente für sehr wichtig, und diese sollten im Idealfall nicht nur aus einer einzelnen Stahlfigur ähnlich dem art'otel in Dresden bestehen. Sicher gab es zur Gründerzeit Übertreibungen in dieser Richtung (meinetwegen am Viktoriahaus in Dresden), aber der völlige Verzicht auf jeglichen Fassadenschmuck schafft kalte Gebäude ohne jegliche Ästhetik, zumal dann, wenn der Gebäudekörper noch auf geometrische Grundformen reduziert wird. Ein gutes (oder vielmehr schlechtes) Beispiel hierfür ist die Pinakothek der Moderne mit ihrem Fabrikhallendesign... ;-)

05.04.2003 23:18, Angerer der Ältere E-Mail Homepage:
dem Buch "KULTURPAUSE", Angerer der Ältere, Nymphenburger-Verlag, München 1. Unsere modernen Städte verzichten auf die scheinbar „nutzlosen Bauten“ (wie z.B. einen Titus-Bogen in Rom, eine Loggia in Florenz und in München usw.) und zeigen mit dieser Zeichenlosigkeit das Ausmaß unseres Materialismus‘ auf. Zeit ohne Zeichen ist Zeit ohne Geist. Ohne sinnlich erfahrbare Signifikanz irren wir an der technomanen Monotonie der modernen Architektur vorbei. Kuppeln, als Räume des göttlichen Kosmos, fehlen in unseren modernen Stadtsilhouetten. Es ist die nihilistische Verneinung des Himmelsgewölbes als intellektueller Entschluß. Türme als Symbol des Transzendentalen und der Apotheose gibt es nicht im heutigen profanen Auswahlkatalog der Gegenwart. Nur die hohen Türme der reinen Zweckbauten der Ver- und Entsorgung und des "Business" gelten als Zeichen sinn- und verantwortungsvoller Demokratie sowie die flächendeckenden Industriehallen ohne Gestaltung. Bauhaus-Ideale empfangen heutige Architektur-Studenten als höhere Weihen. Bei nüchterner Betrachtung jedoch war das Bauhaus und das, was wir ihm zu verdanken haben, ein einziger großer Irrtum. So hat es nicht nur die internationalistische, industrialisierte Monotonie der betonierten Meterware zu verantworten, sondern auch den trostlosen Städtebau unserer modernen, kriminalisierten Wohn- und Vorstädte, an denen sich Bauspekulanten und phantasielose, opportunistische Architekten bereichert haben. Wie „gutgemeinte“ Ideale des Bauhauses zur architektonischen und städtebaulichen Katastrophe geführt haben, will man jedoch in Architektenkreisen nicht wahrhaben. Wer sich gegen das Bauhaus wendet, wird schnell mit Blasphemischen umrankt, und moralische Kategorien werden ins Spiel gebracht. Dem Bauhaus als Fundament modernen Gestaltens wird postum die Vorbildfunktion einer zeitgemäßen Architektur untergeschoben. Dabei muß hier richtig gestellt werden, daß sich eine neue Architektur mit ihren Phantasieansätzen nur deshalb durchsetzen konnte, weil sie sich vom engen Korsett der Bauhaus-Inquisition löste. Traditionelle Gestaltungselemente wurden wieder gesellschaftsfähig, die auf dem Index bauhauslicher Schmalkost standen. Gute zeitgemäße Architektur sucht ihre Wurzeln mehr in der Vor-Bauhaus-Ära, z.B. in der gestalterischen Vielfalt der Glaspalastarchitektur der Jahrhundertwende, in der es solche puritanischen, schulmeisterlichen Abwertungen wie Formalismus – Barock und Jugendstil eingeschlossen – noch nicht gab. Doch jede Idee kann pervertiert werden. So wie einst le Corbusier mit seiner „Architektur als Plastik“ von de meisten seiner Epigonen mißverstanden wurde, so wird der Mensch später High-Tech-Opfer einer technomanen Architektur. Die völlige Auflösung des Raumes in ein amorphes Stahlgewurstel, das weniger an Lebensgestaltung erinnert als an Mikrochips unserer Computerwelt, findet statt. Zusammengenageltes, verschraubtes, technisches Material soll für sich, monochrom, alleine wirken, Farbe wird nur pointiert als greller Farbfleck geduldet. Es ist der sich in nichts auflösende Abstraktionswahn falsch angewandter Möglichkeiten. So wie die Abstraktion die Plastik und Malerei aus der Kunst vertreibt, ist die falsch eingesetzte Technik in der Architektur menschenfeindlich. (…) 2. Hinzu kommt ein neues verheerendes Phänomen, das allerdings bei genauer Betrachtung auf unsere falsche Weltordnung a priori zurückzuführen ist. Waren früher die plastische Durchgestaltung nach baukünstlerischen, funktionellen Gesichtspunkten die Beurteilungskriterien, so werden Architekturwettbewerbe von heute nach abstrahierender Plangraphik und journalistischen, politisierenden Schlagwortbegriffen entschieden (siehe Deutscher Bundestag). Die Planungsmaßstäbe früheren Städtebaus, nämlich die Bezogenheit auf die Perspektive des menschlichen Auges, wird der mehr oder weniger graphischen Vogelperspektive geopfert. Dies geschieht allein schon deshalb, weil heutige Architekturvorbilder der addierten Industrieprodukte keine wirkliche Dreidimensionalität besitzen. Sie lassen keine wirklichen Gestaltungsideen zu, allenfalls als Zitat. Die Vogelperspektive gestattet Illusionen, während wir uns aus unserer normalen Augenhöhe einer Zentralperspektive mit den Modernismen – wie endloser Betonmeterware, glatten, unprofilierten Glasfassaden oder aufgelösten, amorphen High-Tech-Fassaden einer schnell vergänglichen Ästhetik – abfinden müssen. Plastizität im Sinne von Architektur ist dies nicht mehr. Plangraphische Verwirrspiele in Grundrissen, Ansichten und Schnitten versprechen hochtrabenden Fortschritt. Das dreidimensionale Detail jedoch in seiner Wirklichkeit deckt den linearen Selbstbetrug dieser technischen Spielereien auf. Der nun über zweitausend Jahre alte Parthenon mit seinen raumumgreifenden, für den Blickwinkel des Menschen gebauten Tempeln ist Ausdruck einer einfachen, wahrhaften und monumentalen Erhabenheit. Ein Baudenkmal – fast für die Ewigkeit. Moderne High-Tech-Architektur hingegen ist intellektuelles, labyrinthisches Verwirrspiel einer linearen Grundordnung, das in spätestens 100 Jahren zur Abbruchreife verrottet. In zweitausend Jahren, wenn überhaupt erwähnt, zeugen vielleicht Digitalsysteme von einer törichten Zeit, die in Sekunden in Größe dargestellt und gemessen haben wollte. (…) Architektur ist ein guter Seismograph momentaner Stimmung. Allein durch die Verwendung des Materials verrät sie die gesellschaftliche Situation. So wird heute Vergläsertem und Verspiegeltem demokratische Transparenz, Stahl geistige Beweglichkeit und Leichtigkeit attestiert, während dem Naturstein in seiner Körperhaftigkeit und Schwere imperialistischer Prunk und Prahlsucht anhaften sollen. 3. Dem wäre entgegenzusetzen, daß zerbrechliches Glas und materialermüdendes, rostendes, nicht hitzebeständiges Metall Symbole der Vergänglichkeit sind, und der Spiegel gar, wenn man der Religion glauben will, eine Schöpfung der Teufels sein soll. Dagegen ist Stein die Inkarnation von Beständigkeit. So gesehen ist es verständlich, daß sich unsere schnelllebige Zeit der glas- und spiegelverehrenden Dekadenz mit diesen modernen Zivilisationsmaterialien dokumentiert sehen will. Wenn Hitler in seiner selbstmörderischen Voraussicht bereits Stahlbetonbauten mit dem Hinweis ablehnte, sie seien ihm als Ruinen zu trist, so ist die Vorstellung von ruinösen Glas-Stahlbauten ein geradezu gespenstisches Gerippe in einem Scherbenhaufen. Auch ohne gewaltsame Zerstörung überstehen sie kein Jahrhundert. Unsere High-Tech-Gebilde werden kein Zeugnis für spätere Generationen abgeben. Auch als Dokumentationen dürfte unser Informationszeitalter die Baudenkmäler nicht hinüberretten können, denn mittlerweile wissen wir, daß Filme verblassen, Mikrofilme, die Jahrtausende halten sollten, sich in klebrige Masse auflösen oder zerbröseln und Umkopieren auch nur in beschränkter Zeit möglich wäre, da nach jeder neuen Filmgeneration die Qualität verflacht. So wird unsere moderne Architektur, auf die wir heute so stolz sind, weggewischt sein. Rettung erhofft man sich mit Digitalsystemen; aber auch bei den datenstromgespeicherten Systemen könnten nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten ungeahnte Pannen auftauchen. So ist denkbar, daß für spätere Generationen nichts bleiben wird was von unserem Zeitalter zeugen könnte. In zunehmenden Maß gewinnen Gebäude und bildende Kunst mit historischem Charakter weit höheren Zuspruch als die unterkühlte Moderne. „Zurückerinnern wollen sie sich nur...", meinen heutige Kulturdogmatiker, "anstatt Neues zu wagen.“ Was ist schon Verwerfliches daran, wenn man sich in traurigen Tagen an schöne Zeiten erinnert? München war in den Wiederaufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg im Kreuzfeuer der Kritik, das es Altes renoviert und Zerbombtes im historischen Stil wiederaufbaute, während "fortschrittliche Städte" alles, was von den Bomben nicht zerstört wurde, der zweiten, noch gründlicheren Zerstörung durch die Modernen opferten. Heute trauert man darum. In Japan kann man es erleben, daß zwei völlig identische Tempel – ein neuer und ein alter – nebeneinander stehen. Droht der alte Tempel zu verfallen, wird nach den Maßen des intakten Tempels ein neuer erstellt, nachdem der alte Tempel abgerissen wurde. Neben der Sicherung der Urtempels liegen in diesem Brauch Philosophien verborgen, die Bücher füllen könnten. Steinpyramiden mit ihren eingemeißelten Hieroglyphen werde jedoch weiterhin von einer hohen Kultur zeugen, die es wert war, über die Jahrtausende hinübergerettet zu werden. Unsere zeugenlose Zeit wird für spätere Generationen nur im erzieherischen Maße seinen Zweck erfüllen: als abschreckendes Beispiel, durch das die verbleibenden Bruchstücke vor Nachahmung warnen. Deshalb wundert es nicht, wenn diese Vorstellung bereits von Hypermodernisten akzeptiert wird. Sie wollen vergessen werden!

13.03.2003 21:10, D. Hiller Homepage:
es gibt ein neues Forum das sich unter anderem auch mit diesem Thema beschäftigen soll, alle Interessierten sind herzlich eingeladen sich mit Neuigkeiten, Diskussionen und Beiträgen zu beteiligen.

Forum für traditionelle Architektur, Rekonstruktion und Denkmalschutz

http://www.internetboom.de/freeboard/board/index.php?userid=3224

21.01.2003 20:48, W. G.:
Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! Ihn zu schmücken war einst die vornehmste Aufgabe der bildenden Künste, sie waren unablösliche Bestandteile der großen Baukunst. Heute stehen sie in selbstgenügsamer Eigenheit, aus der sie erst wieder erlöst werden können durch bewußtes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander. Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst verloren. (...)

Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!
Denn es gibt keine "Kunst von Beruf". Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. Gnade des Himmels läßt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits seines Wollens stehen, unbewußt Kunst aus dem Werk seiner Hand erblühen, die Grundlage des Werkmäßigen aber ist unerläßlich für jeden Künstler. Dort ist der Urquell des schöpferischen Gestaltens."

Dies ist der Text des Gründungsmanifestes einer Gruppe von unabhänigingen Gestaltern - geschrieben 1919 von Walter Gropius für eine junge, expressive Reformbewegung in Weimar - die später als "Bauhaus" Weltberühmtheit erlangte.
Der gesamte Text

Die Parallelen der damaligen Bewegung und den heutigen Bestrebungen, den Bau als Gesamtkunstwerk zu betrachten, in dem alle Gewerke und Künste miteinander zusammen gebracht werden, sind verblüffend. Die Bauhausutopisten strebten ursprünglich nach neuen Formen des Schmückens und vor allem auch nach dem mit Geist gefüllten Bau. Doch die hoch gesteckten Ziele erlagen all zu bald einer alles erdrückenden kapitalistischen Warenwelt mit einer industriellen Massenproduktion für eine Massengesellschaft. Die rassisch- biogenormten NS-Ideologen mit ihrer pseudo- neoklassischen Ästhetik hatten zuvor die meisten Bauhäusler als "entartete Kunst" verfolgt.

Das Manifest schließt mit den pathetischen Worten:
"Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens."
Über den neuen Glauben, vom dem Gropius sprach, mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Thomas Kantschew

19.01.2003 23:34, Thomas Kantschew E-Mail:
Das habe ich mir auch schon gedacht, dass das steingehauene Ornament und der gemalte Schmuck an Gebäuden viel zu behäbig und unflexibel ist, um in einer rasend beschleunigten Zeit und ihren saisonalen wechselnden Moden bestehen zu können. Sie haben recht, Herr Mossmann (obwohl ich mich etwas an den „guten Gründen“ stoße), die schnelllebige und rasch wechselnde, quasi immateriellen Äußerungen der Medienprodukte, seien es hektisch geschnittene Musikclips, temporäre Websites, digitalisierte Pixelbilder oder Computerkunstanimationen sind viel eher signifikanter Ausdruck unserer Welt des 21. Jahrhunderts mit all ihrer Reizüberflutung und nervösen Unruhe, als eherne, steinerne und für die Ewigkeit gemachte Plastiken. Wer will da noch wochenlang an einer Sandsteinrosette hämmern oder eine feine mäandernde Akanthusreihe aufmalen, wo doch alles in rastloser Bewegung ist?

Aber es gibt erfreuliche Gegenbewegungen. Zum Beispiel das Baseler Architekturbüro Herzog & deMeuron arbeitet schon seit einiger Zeit mit einer Wiederbelebung des Ornaments durch Rhythmus und Oberflächentexturen (allerdings auf sehr strengen, geometrischen Gesamtformen). Sie setzen statt auf abstrakte Ideenkonstrukte auf das Hervorrufen von Empfindungen und Sinnlichkeit im Wahrnehmen der Außenhaut. (siehe eine Arbeit von Andreas Fluck in Gestalttheorie der ETH Zürich 2001, der auf diese Zusammenhänge hinweist: http://n.ethz.ch/student/afluck/Ornament.pdf )

Übrigens: eine der grundlegenden Kampfschriften zum Thema ist natürlich „Ornament und Verbrechen“ von Adolf Loos gegen die Auswüchse des Historismus (1908). Auszüge findet man unter: http://www.weissenhofsiedlung.de/einleitung/loos.htm (ein Blättern in der Webseite über die berühmte Stuttgarter Siedlung klassischer Moderne mit allen Architektenikonen ist natürlich auch ratsam. Die weiße Siedlung ist wohl die reinste Verkörperung der damaligen Theorie über die Ablehnung des Ornaments.) Diese radikale Kampfansage des Wiener Adolf Loos, der übrigens von 1890 - 93 an der Technischen Hochschule Dresden Architektur studiert hatte (Biographie), gegen das beliebige ekklektizistische Schmücken der prahlerischen Gründerzeit sollte man im Hinterkopf haben, wenn man sich tiefer mit dem Thema Schmücken/Ornamentik beschäftigt und Argumente für eine zeitgemäße Wiederbelebung sammeln möchte. Auch mit seiner Schrift »Die Potemkinsche Stadt« sollte man sich auseinandersetzen.
Interessant: Herr Loss schrieb damals, dass das Ornament vergeudete Arbeitskraft ist, weil es viel zu viel Zeit zur handwerklichen Erzeugung beansprucht. Wie wäre es, wenn heute in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit die Frage anders gestellt wird: wie nämlich die etwas arbeitsintensivere Herstellung von schmückenden handwerklichen Ornamenten Arbeitsplätze wieder schafft?

19.01.2003 20:25, Mathias Mossmann E-Mail:
Wer weiß, vielleicht werden ornamental gestaltete Fassaden, phantasievoll geschwungene Treppen und mosaikgeschmückte Innenhöfe heute ja aus guten Gründen in aller Regel abgelehnt?

Bauornamente sind zunächst interessant und reizvoll, verlieren aber, da sie ja auf längere Dauer angelegt sind, mit der Zeit den Reiz des Neuen und vermitteln dann eher nostalgische Empfindungen. In einer Zeit, in der Umsatzbeschleunigung und immer neue Konsumanreize aber zum Motor einer überhitzten Verkaufsmaschinerie geworden sind, können altmodisch gewordene Ornamente nur schaden. Nüchterne Fassaden sind dagegen flexibel und lenken nicht ab von den erleuchteten Schaufenstern, die die möglichst schnell wechselnden Trends und Moden präsentieren. Das optimale künstlerische Medium unserer Zeit sind daher nicht die träge Bildhauerei, Malerei oder Baukunst, sondern die elektronischen Medien. Mit ihrer rasanten Bilderflut können sie ständig neue Gesprächsthemen und Verkaufsanreize erzeugen. Viel künstlerische Kreativität und Phantasie fließt daher in Werbeclips und mehr oder minder getarnte Verkaufssendungen.

Ein Plädoyer für künstlerischen Bauschmuck ist dagegen heute ein Plädoyer für eine Verlangsamung, für ein Innehalten in unserer besinnungslosen Konsumwelt, für eine Wiederentdeckung von Zeit und Lebensqualität.

18.01.2003 21:56, Gottfried Semper:
Die reiche und präzise Sprache der Hellenen hat dasselbe Wort zur Bezeichnung des Zierrates, womit wir uns und die Gegenstände unserer Neigung schmücken, und der höchsten Naturgesetzlichkeit und Weltordnung. Dieser tiefe Doppelsinn des Wortes "Kosmos" ist gleichsam der Schlüssel hellenischer Welt- und Kunstanschauung. Dem Hellenen war der Schmuck in seiner kosmischen Gesetzlichkeit der Reflex der allgemeinen Weltordnung, wie sie uns in der Erscheinungswelt den Sinnen fasslich entgegentritt, er galt ihm als allgemeinverständliches, sich selbst erklärendes Symbol der Naturgesetzlichkeit auch in der bildenden Kunst, der Architektur, überall als wesentliches Element der formellen Ausstattung erscheint. Die Ästhetik der Hellenen, soweit sie das Gesetzliche des Formell-Schönen betrifft, fußt auf den einfachen Grundsätzen, die beim Schmücken des Körpers in ursprünglichster Klarheit und Fasslichkeit hervortreten."
So beginn ein Aufsatz von Gottfried Semper mit dem Titel "Über die formelle Gesetzmäßigkeit des Schmuckes und dessen Bedeutung als Kunstsymbol" gehalten in Zürich 1856. In diesem Text zeigt sich der berühmte Architekt nicht nur als ein Vorkämpfer der Moderne, in dem sich die Tektonik eines Gebäudes der Funktion unterordnen sollte, sondern auch als ein äußerst kenntnisreicher Wissenschaftler der Verzierungskunst. Der geniale Gestalter, wir würden heute Designer sagen, weist in diesem Vortrag auf die Wurzel der beiden griechischen Worte hin:

kosmeion = ordnen, schmücken
kosmos = Ordnung/ Weltall, Schmuck.

Er erinnert daran, dass Ordnung und Schönheit im alten Griechenland gleichgesetzt wurden und natürliche Ordnung als schön empfunden wurde. Die Übereinstimmung mit dieser natürlichen Ordnung nannten die Griechen "Harmonie".
In der Antike wurde also Schmücken als fester, integraler Bestandteil des Lebens und Bauens betrachtet, deren ritualisierter, religiöser Charakter sich jedoch im Lauf der modernen Geschichte immer mehr verweltlichte. Semper wollte mit den Ausschmückungen seiner Gebäude an seine Idealwelt der Griechen anknüpfen und in einer zunehmend industrialisierten Welt des 19. Jahrhunderts einen ideelen Gegenpol setzen. Für ihn war das Schmücken von Gebäuden so eminent und unverzichtbar, daß er es die "Dominante" nannte:

"(...) Der Reflex des ersteren ist die Basis, das tragende Glied, der Reflex des zweiten ist die Dominante, das getragene Glied (…) Die Dominante entspricht der ihrigen durch Reichtum der Gliederung, Schmuck, glänzende und helle Färbung. Sie ist der Masse nach das Kleinere, der Bedeutung nach das Haupt." (in Sinne von Kopf)

Auf Semper hören, heißt auch diese Schriften zur Kenntnis nehmen, zumal im Jubiläumsjahr seines 200. Geburtstag 2003.
Aufs Heute übertragen könnte man sagen: in einer zunehmend von Technik abhängigen Welt, in einer von Rationalität und Pragmatismus geprägten Epoche spiegelt sich diese Sachlichkeit auch in unserer gebauten Umwelt wider. Schmücken, im Sinne eines harmonischen, geordneten, geistigen Überbaus scheint da in der Architektur entbehrlich, doch offenbar ist das Fehlen von "Kosmetik" (in der Ableitung von kosmeion), also von Ausschmückung, Reflex unserer inneren geistigen Armut oder Furcht. Ein radikal verstandener "Ehrlichkeits"begriff läßt Verschönerung von modernen Gebäuden nur in Form von Natursteinplatten über dem eigentlichen Betonbau zu. Vielleicht sollten wir das Semperjubiläumsjahr nutzen, über Schönheit und Harmonie, etwas was für meine Begriffe unentbehrlich ist zum Überleben, tiefer nachzudenken.
Thomas Kantschew

09.01.2003 22:35, Siegmar Baumgärtel E-Mail Homepage:
Gut und wichtig, dass sich einmal jemand Gedanken zu diesem vernachlässigtem Thema der Ausschmückung macht. Im wesentlichen kann ich den vorgetragenen Gedanken nur zustimmen, sie erscheinen nach zwei Seiten offen und nicht so borniert wie manch Standpunkt zum Neumarkt selbst. Ein paar kleine Anmerkungen dennoch:

- die "Zeit der Ornamentik" geht m.E. bis etwa 1960 (siehe Altmarkt, Gewandhausstraße), obwohl um 1920 bereits die "Zeit der Nüchternheit" von Bauhaus & Co. begonnen hatte. Was 30 Jahre parallel lief, sollte es heute wieder sein: zeitgleich bedeutet allerdings nicht alles am gleichen Ort. Ich kenne für beide Lebensgefühle gute und schlechte Beispiele, und die einzelnen Menschen mögen jeweils das eine oder das andere mehr. Für den Neumarkt wie auch für die Neustadt bevorzuge ich Schmücken durch Ornamentik, für andere Teile unseres Zentrums wie am Postplatz, dem Wiener Platz oder der Lingnerstadt kann ich mir auch sehr gut geschäftliche Sachlichkeit vorstellen, was nicht völlig schmucklos bedeuten muss. Zur Ausschmückung gehören ja auch Stadtmöbel aller Art, interessante Spiegeleffekte an Fassaden, Begrünung, Außenplätze von Cafés usw.
- Was ich mir an den "Füllbauten" am Neumarkt gut vorstellen könnte ist das Anbringen von geborgenen Fassadenteilen wie Giebeln, Torbögen, Wandplastiken usw. Sie kämen an neuen Putzfassaden unter dem Gesichtspunkt der Originalität weit besser zur Wirkung (und würden auch mehr zum Nachdenken anregen), als eine aus "Gips & Co." nachgefertigte Kopie der gesamten Fassade. Genau diese Idee hatte man bereits um 1960 im Gebiet Weiße Gasse/Gewandhausstraße. Geborgene Friese schmücken Neubauten, Brunnen wurden hier an neuer Stelle aufgestellt und geben so dem Viertel zusammen mit neuen Elementen wie der aktuellen Beleuchtung der Weißen Gasse ein ganz eigenes Flair.
- Neben derartiger Ornamentik kann ich mir auch neue Ideen analog der Kunsthofpassage vorstellen, aber plastisch sollte es schon sein, nicht ein neuer Hunger-Malstil à la Blumenhaus, der beliebig oft übertüncht werden kann. Es ist ein Glück für Dresden, dass diese Passage abseits in der Neustadt entstand und nicht im Zentrum. Ein jahrelanger Streit zwischen der Stadtverwaltung, Investoren und einer "Bürgerinitiative zur originalgetreuen Rekonstruktion der gründerzeitlichen Hinterhöfe im Stile und Zustand von 1890" hätte dieses Projekt mit Sicherheit zu Fall gebracht. Heute ist es, wie der Autor richtig schreibt, die Touristenattraktion der Äußeren Neustadt.
- Eine Bemerkung zur Altmarkt Südseite und deren gelegentliche Verteufelung: nach meiner Meinung passen sich diese Gebäude recht gut in Proportionen (Traufhöhe, Baufluchten und Dachformen) zwischen "Nachkriegsbarock" der Ost- und Westseite und dem Komplex des Rathauses ein, man muss dies mal aus Richtung St. Petersburger Straße wirken lassen. Sie sind für ein Zentrum einer Halbmillionenstadt auch nicht zu wuchtig. Warum wirft man dies den "Zuckerbäckern" aber auch den jetzigen Bauherren vor?. Das Neue Rathaus war seinerzeit auch viel zu groß für diese Gegend, heute passen alle andere Bauten hier zu ihm! Auch die König-Johann-Straße und diverse Bankgebäude waren seinerzeit ein totaler Stilbruch, nur verstanden es die damaligen Stadtplaner noch einigermaßen, Übergänge zu schaffen (Löwenapotheke, Residenzcafé am Altmarkt u.a.). Übrigens gab es damals auch schlechte Beispiele: so ist der Bruch zwischen der Kunstakademie und der Platte mit dem "Café an der Frauenkirche" keineswegs größer als der zum Vorgängerbau "Hotel St.Petersburg". An diesem Bruch ist also keineswegs die Platte "schuld", sondern die protzige Akademie! All dies sollte man berücksichtigen, wenn es heute um die Bebauung des Neumarktes geht, jedenfalls versuchen, angemessene Übergänge zu den vorhandenen Nachbarn aller Zeiten zu realisieren und insgesamt kompromissbereit sein. Dazu gehört auch eine aufgeschlossene Einstellung gegenüber modernen Stadtmöbeln wie Wartehäuschen, Tiefgarageneingängen, Telefonzellen usw.
- Anschließend noch ein Wort zum Neptunbrunnen: in diesem seltenen Ausnahmefall könnte ich mir ein Versetzen vorstellen (aber auch ein Belassen), denn durch die vielen praktischen und notwendigen Krankenhausbauten kommt er dort nicht richtig zur Geltung. Im Ergebnis (aber anders in der Ursache) käme das den neuen Standorten der o.g. Brunnen nahe der Kreuzstraße gleich, nur damals waren das alte Umfeld zerstört, und für das nüchtere neue waren sie eine Bereicherung. Gemeinsam ist, dass wichtige Geschichtszeugnisse den Dresdnern und ihren Gästen wieder in angemessenem Umfeld zugängig gemacht wurden bzw. würden.
Übrigens, selbst am abrissbereiten Anbau der Polizeidirektion wurde seinerzeit ein Brunnen als ornamentaler Schmuck eingebaut!

05.01.2003 11:07, UncleSigg E-Mail:
Wer heute baut, soll sich wohl an die nähere Umgebung anpassen - und das ist wohl auch im Falle des Neumarktes der Altmarkt, der schon 50 Jahre steht und denkmalgeschützt ist. Ich meine die Bauten der Ost und Westseite aus den 50er/60ern. Diese tragen genügend "Schmuckteile" aller Art. Ich erinnere mich sehr gut,
dass damals diese Art der Verzierung als "Zuckbäckerstil" diffamiert wurde, auch deswegen,
weil sowjetische Architekten ihren Hochbauten in Moskau und anderswo (Lomonossowuniversität)
solchen Formenzierrat verpasst hatten, was später hier als Stalinallee-Baustil wiederum aus
ideologischen Gründen diskreditiert werden sollte. Also mal so, mal so: mit Zierrat - Zuckerbäckerstil, dann wieder
ohne Verzierungen - zu nüchtern. Es gilt also, einen akzeptierten Mittelweg zu finden. Zierrat allein als Taubenklosetts und Schmutzablagerungsborde, von denen links und rechts die Regenbahnen an der Wand hinunter laufen, sind in kurzer Zeit ein Ärgernis für Hausbesitzer und auch alle dahergelaufenen Betrachter.

Die Wandmalereien ( nicht Graffitti!!!) und Wandmosaike (Kulturpalast, Haus des Lehrers Berlin,
Kinderkaufhaus Dresden und viele andere) haben schließlich ihre Tradition im Dresdner
Fürstenzug vorzuweisen und wurden jetzt am Bahnhof Neustadt erneut realisiert. Wie sollte
man da etwas gegen Blumen an einer Hauswand haben? Das wäre auch gar nicht maßgebend - maßgebend allein ist der Bauherr. Ich selbst baute hier ein ziemlich nüchternes Haus mit ungeschmückten Fassaden.
Den Schmuck geben Blumen und unsere werten Köpfe im Fenster ab.....
Einen speziellen Dresdner Geist empfand ich ab 1952 (Oberschulzeit) in den Theatern wegen der Dresdner Schauspieler, in der Oper wegen der Dresdner Solisten, in Konzerten
wegen der Dresdner Musiker, beim Kreuzchor - Menschen, die im wahrsten Sinne Geist
von Dresden darstellten.
Der Wiederaufbau einer kleinteiligen Innenstadt verbot sich wie von selbst: niemand wollte
die Sektionierung der engen Gassen wiederhaben: die Trümmer waren bis über die Straßenmitte
gefallen, kein Durchkommen zum Löschen. Man setzte bewusst alle Gebäude von den alten Grundstücksgrenzen zurück. (damalige Zeitungsdiskussion Grunaer Straße) Licht, Luft und Sonne gelangten in die Straße. Und das Überbauen der Grundstücksgrenzen durch die
neuen Häuserzeilen war aus mehrfacher Hinsicht das einzig Richtige. Also: wieder die alten Höfe errichten? Nein. Dort sind frei laufende Aufzüge, Rundgänge und Sonnenbalkons die angemessenen Schmuckelemente, weil sie auch eine praktische Nutzung ermöglichen.



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